Zum Beginn möchte ich eine Triggerwarnung aussprechen.
Hi, ich bin’s, MiniMe.
In diesem Beitrag erzähle ich, was ich als Kind erlebt habe.
Es geht um Sachen, die wehgetan haben – seelisch, körperlich und so tief drin, dass sie heute noch nachklingen.
Wenn du sowas auch erlebt hast, dann lies bitte achtsam.
Du darfst jederzeit aufhören, Pause machen oder dich ablenken.
Ich hätte mir früher gewünscht, dass jemand sagt:
„Du musst das nicht alleine aushalten.“
Deshalb sag ich’s jetzt zu dir.
Perfekt MiniMe, Du hast gute Worte gefunden, Danke!
Hallo, mein Name ist Sam und ich bin ein trans Mann!
Noch vor weniger als einem halben Jahr hätte ich mir nicht träumen lassen, diesen Satz so voller Überzeugung und auch einer Prise Stolz sagen zu können. Ich wusste ja nicht einmal was er bedeutet hätte, für meine Umwelt, inhaltlich oder gar für mich selbst. Aber fangen wir ganz von vorne an.
Vor etwa einem halben Jahr hatte ich einen Klinikaufenthalt. Die genauen Gründe und Ursachen? Tun nichts zur Sache, bleiben bei mir. Ich spürte aber nach einem halben Jahr arbeitsunfähig erkrankt sein, dass ich langsam aber sicher aus dem sogenannten Überlebensmodus heraus kam und ich leben wollte – und zwar so, wie ich das wollte; mit allen Aspekten in mir.
Genau in diesem Moment zeigte sich nachts in einem Traum mein inneres Kind. Er saß einfach an einem kleinen Tisch auf seinem Stuhl. Er war im Teenageralter und ich habe ihn als männlich wahrgenommen und war sehr verwirrt. Er hatte etwas von BabyBoss im Teenageralter. Er hatte eine Mappe auf dem Tisch, einen kleinen feinen Anzug an in nachtblau. Er begrüße mich damals noch bei meinem Deadname; meinem Namen, der mir bei meiner Geburt gegeben wurde. Er wollte, dass ich mich setze und machte in den wenigen Worten, die er sprach klar, dass es wichtig war – generell und ihm persönlich.
Er stelle sich vor mit den Worten: Hi, ich bin Du, nur in jung. Wir müssen reden, denn es wird ernst. Du hast ja schon einige direkte Kontakte hier geknüpft und ich möchte Dich mit etwas aus unserer Vergangenheit konfrontieren. Ich finde, es ist ein guter Zeitpunkt, dich daran zu erinnern.
Jepp, das war genau so seltsam, wie es klingt. Und es wurde noch seltsamer.
Du hattest hier nun schon mit zwei trans Männer Kontakt und ich will dich wissen lassen, dass das, was sie sagten, uns sehr bekannt vorkommt, weil wir ähnlich dachten. Weißt Du noch?
Erste Ahnung
Und dann wurde es dunkel und ich sah einige Szenen meiner Kindheit, genauer als ich 13 Jahre alt war. Ich begann damals zu bemerken, dass mein Körper Veränderungen durchmachte, im speziellen am Oberkörper. Und das, was sich da bildete fand ich gar nicht gut. Nicht körperlich, sondern weil sich in mir drin alles dagegen sträubte. Die Brüste, die mir wuchsen, fühlten sich nicht nach mir an. Heute weiß ich, dass man es Bodydysmorphie nennt, was übersetzt so viel wie gestörte Selbtswahrnehmung des eigenen Körpers bedeutet. Es war und ist nicht so, dass ich „falsch“ bin. Sondern mein Körper ist nicht deckungsgleich zu meinem Ich-Gefühl. Aber damals? Ich verstand gar nichts. Warum stören mich meine wachsenden Brüste so sehr? Wieso verwirrte mich die veränderte Wahrnehmung meines Körpers in meiner Umwelt so sehr? Okay, heute kann ich es dem Patriarchat zuschreiben – aber damals hatte ich kein Wort dafür. Nur ein komisches Gefühl. Es ist komisch, wenn man als 13-jähriges Kind plötzlich das Recht an seinem eigenen Körper verliert, bewertet und sexualisiert wird. Und vor allem ist es verwirrend, zumindest damals für meine kleine Seele.
Der Schal
Dann sah ich mich in meinem Kinderzimmer – ein Schal fest um die Brust gewickelt, in dem verzweifelten Versuch, den dicken Knoten auf meinem Rücken irgendwie glatt zu bekommen. Weinend löste ich ihn. Und wünschte mir damals voller Wut, ich würde Brustkrebs bekommen – einfach nur, damit man sie mir abnehmen müsste. Es waren kindliche Gedanken. Aber sie waren real. Und sie waren gefährlich. Ich konnte mit niemandem darüber sprechen. Mein Vater war emotional nicht erreichbar, und meine Mutter schien damals selbst mit inneren Dämonen zu kämpfen.
Das „A“
Wie im Zeitraffer wurde es dunkel. Ich sah mich wieder – diesmal auf dem Bett sitzend. Auf meinem rechten Oberschenkel ein frisch geritztes „A“. Meine Mutter hatte es gesehen. Doch statt mich mit Empathie zu halten, reagierte sie mit Panik. Mit Angst. Ich fühlte mich ausgeschimpft, beschämt. Ihre Worte hallten: „Willst du, dass man dich wegsperrt? In die Klapse?“
In diesem Moment kam alles von damals wieder hoch. Die Hilflosigkeit. Die Scham. Das Gefühl, falsch zu sein. Es schnürte mir die Kehle zu. Was ich damals verstand: Ich darf meine Gefühle nicht zeigen – und schon gar nicht gegen mich richten. Nicht, weil es mir schadet. Sondern weil ich sonst als „krank“ gelte. Weil ich meine Eltern enttäusche. Weil ich sie beschäme. Dabei stand das A damals nicht wie von ihr vermutet für einen Jungennamen. Es stand für Anders. Für Abartig. Für Ausgedacht.
Dann saß ich wieder am Tisch mit MiniMe, wir beide von Tränen gezeichnet. Was ich gefühlt hatte, hatte auch er gefühlt, denn er war, er ist ja ich. Seine zitternde Stimme sprach:
Ja, genau diese Erinnerungen meine ich. Es tut mir leid, dass ich das alles wieder wecke, doch ich will endlich glücklich sein. Können wir das machen? Ich will doch nur ich sein!
Dann fing er an zu weinen und es war herzerreißend. Dieses kleine Kind saß da und weinte bitterlich. Auch mir liefen damals die Tränen, doch ich konnte nicht anders, als endlich nach über 30 Jahren mein inneres Kind endlich in den Arm zu nehmen und trösten.
Als wir uns beide wieder etwas gefangen haben, bat mich MiniMe, dass ich mich wieder setzen sollte; wir waren noch nicht fertig. Er stand auf, blickte mich an – und dann veränderte sich das Bild. Er ließ mich sehen, wie er mich als mein damaliges Ich in männlich sehen könnte. Es war, als schaue ich in eine Spiegel, doch schaute ich mich quasi als männliche Version an. Ich war fasziniert und geschockt zugleich. Was wollte er mir sagen?
Er tat mir damals den unausgesprochenen Gefallen und veränderte sich wieder zurück zum 13-jährigen Teenager, behielt aber das männliche Aussehen bei – es schient ihm damals sehr wichtig zu sein. Und dann sprach er wieder:
Kannst Du Dir das auch vorstellen? Können wir uns gemeinsam auf den Weg machen?
Das Erwachen
Und dann war ich wach, lag in diesem Klinikbett und weinte erst einmal. Alle Emotionen kamen wie eine Lavine hoch und waren gleichzeitig präsent. Die Frust, die Wut und auch die Hoffnung. DAS musste ich damals erst einmal sortieren, um überhaupt wieder ansatzweise denken zu können. Ich ging damals ins Raucherzimmer der Klinik. Ich wollte rauchen und sortieren. Schnäuzen und verstehen. Die Tränen auffangen und nachdenken. Und das mache ich auch heute noch immer wieder. In Gedanken ist MiniMe immer bei mir, ich werde ihn nicht mehr alleine lassen und keine Entscheidung ohne ihn treffen. Wie es mit MiniMe und mir weiter geht, wird im nächsten Post erzählt.
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